Speiseröhrenkrebs

Am 27.10.2011 hatte ich mir Urlaub genommen. War ein Donnerstag, für den Freitag hatte ich ebenfalls Urlaub eingetragen, weil an den beiden Tagen unser neuer Carport aufgestellt werden sollte. Die Hölzer lagen schon ein paar Tage zugeschnitten auf dem Hof, waren gestrichen und warteten auf die Montage. Ein Freund, der sich mit dem Carport-Bau selbständig gemacht hat, hatte den Auftrag bekommen und ich war als Helfer engagiert. So sind wir dann gegen 9 Uhr angefangen zu hantieren. Alex war für ein paar Tage bei Tims Patentante in Aachen. Gegen 11 Uhr fuhr meine Schwester bei uns auf den Hof, was insofern ungewöhnlich war, als dass sie ja nun auch arbeiten muss und das üblicherweise nicht bei uns, sondern in Bad Oexen tut. Als ich bei ihr am Auto stand, habe ich nur die roten Augen gesehen und mir war gleich klar, dass da irgendwas im Busche ist. Sie konnte dann auch nur mit tränenerstickter Stimme sagen „Papa hat Speiseröhrenkrebs, wir kommen gerade von der Untersuchung. So schnell wie möglich Chemo und dann OP.“ Mehr als „OK“ konnte ich nicht erwidern, sie ist dann auch sofort gefahren.

Da stand ich nun. Mit dem Carportbauer wollte ich in dem Augenblick nicht darüber reden und Alex anrufen auch nicht. Wegfahren ist ebenfalls schlecht möglich, wenn ich extra die Tage zum Aufbauen eingeplant hatte und der Handwerker vor Ort ist. Das waren zwei beschissene Tage. Ich weiss nicht, wie ich das beschreiben soll, aber ich habe garantiert einen ziemlich unhöflichen Eindruck gemacht. Mein Kloß im Hals war so groß wie ein Fußball und ich muste mich echt zusammen reißen, um nicht zu heulen. Ziemlich stoisch habe ich dann Balken angegeben und Schrauben angezogen. Als Alex aus dem Büro kam, habe ich sie natürlich sofort zur Seite genommen und alles erzählt und abends bin ich zu meinen Eltern. Verständlicherweise war auch dort die Stimmung ziemlich mies. Was soll man in so einer Situation sagen? Ich hatte natürlich zwischendurch am Tag schon bei Google gelesen, mein Vater auch. Es ist wohl allen klar gewesen, was die Diagnose bedeutet.

Es dauerte dann doch ein paar Wochen, bis der erste Chemo-Termin anstand. Und tatsächlich muss man im nachhinein sagen, dass Papa das deutlich besser vertragen hat, als man es von anderen Leuten schon gehört hat. Zwar extremes Kribbeln in den Gliedmaßen, fürchterlich kälteempfindlich (was besonders im Winter nicht so prickelnd ist) und müde, aber keine Übelkeit und auch sonst konnte er sich noch halbwegs normal bewegen. So normal, dass wir im Februar bei um die minus 15°C sogar noch einen Baum gefällt haben. Da war er allerdings schon so weit geschwächt, dass ich mit dem Yeti bis an den Wald gefahren bin. Die Kettensäge wollte er sich aber trotz allem nicht aus der Hand nehmen lassen! Die abgesägten Baumscheiben habe ich dann allein getragen, da hat er höchstens mit angepackt. Alleine wär’s für ihn nicht zu bewerkstelligen gewesen. Die ganze erste Chemo bis vor der OP dauerte fast 2 1/2 Monate und in der folgenden Untersuchung zeigte sich der Arzt auch sehr zufrieden. Der Tumor war tatsächlich spürbar geschrumpft, schien keine Ausläufer in umgebendes Gewebe zu haben und die Lymphen waren unauffällig. Der OP stand nichts im Wege.

Bis auf die Lungenentzündung, die 1 Woche vor der angesetzten OP einen Rückschlag bedeutete. Fast eine Woche Krankenhaus und der Termin für den Eingriff musste verschoben werden. Ich habe die ganze Zeit versucht, die Geschichte wenn auch nicht zu verharmlosen, dann aber doch zumindest in der Zukunft positiv zu sehen. Und das fiel mir sehr schwer. Ende 2011 und der Anfang 2012 waren nicht einfach. Für die ganze Familie nicht. Meine Schwester wohnt bei meinen Eltern und ist in der Zeit viele Wege zum Arzt usw. gefahren. Ab und zu konnte Papa aufgrund der Chemo einfach nicht. Meine Mama ist kein Auto mehr gefahren, seit ich 16 war. Das ist eine verdammt lange Zeit und man kann sich nicht einfach von jetzt auf gleich hinter das Lenkrad setzen. Aber ich denke, da wird kein Weg dran vorbei gehen. Inzwischen hatte sich das Befinden meines Vaters so weit gebessert, dass Anfang April endlich die von allen ersehnte OP stattfinden konnte. Und die war ein Erfolg!

Zumindest sagte dass der Arzt bei aller Zurückhaltung und Vorsicht. Es wurde ca. 1/3 der Speiseröhre am Eingang zum Magen entfernt und ca. 1/3 des Magens. Die Reste wurden verbunden und wenn alles gut verläuft, sollte die Ernährung – wenn auch etwas eingeschränkt – wieder genauso wie vorher funktionieren. Lief aber nicht alles gut. Die Naht zwischen Speiseröhre und Magen war nicht dicht und die künstliche Ernährung musste deutlich länger als geplant vorgenommen werden. Die Schläuche in Hals, Arm und Rücken somit länger im Körper verbleiben und natürlich Papa auch länger im Krankenhaus liegen. Er hat dabei fürchterlich abgebaut. Sowohl physisch, als auch psychisch. Und der Rest der Familie auch. Wir sind jeden Tag mit meiner Mutter ins Johannes-Wessling-Klinikum gefahren. Immer abwechselnd meine Schwester und ich. Ich dachte ja schon, dass 2011 insgesamt ein beschissenes Jahr war, 2012 hat es aber locker getoppt. Ich selbst war inzwischen auch ziemlich antriebslos und gereizt. Außerdem eigentlich rund um die Uhr traurig. Ob das normal, nachvollziehbar oder albern ist … ich weiß es nicht. Mir ging es jedenfalls so und ich konnte nichts daran ändern.

Ich schreibe diesen Text im Winter 2012 und teilweise auch schon in 2013. Inzwischen ärgere ich mich, dass ich den Ablauf der Krankheit nicht genauer protokolliert habe. Total bescheuert, es würde mir und niemandem sonst irgendetwas bringen. Aber genauso ärgert man sich irgendwann, dass man nicht notiert, was die ersten gebrabbelten Worte des Nachwuchs waren oder wann genau er wo 5 Schritte gegangen ist.

Irgendwann im Mai ist Papa dann nach Hause gekommen und solte zügig danach auch zur Reha. Vorher standen noch einige Untersuchungen an, in denen dann mitgeteilt wurde, dass vor einer Reha, erst nochmal Chemo gemacht werden sollte. Wäre so üblich. Begeisterung ist anders. Trotzdem ging es im noch halbwegs gut und leichtere Arbeiten im Garten hat er immer noch selbst gemacht.

Nur mit den Geräten klappte es nicht mehr so richtig. Alles was vibrierte oder Kraftanstrengung im Bauch bedeutete, war zu schmerzhaft in den Narben, aber verhaltener Optimismus lag in der Luft. So dermaßen optimistisch, dass wir Ende Juni das übliche Heu auf der großen Wiese machten und Papa – knapp 2 Monate nach der OP – schon wieder auf dem Traktor saß. Natürlich hat er keine Bunde gestapelt, aber anstrengend ist das trotzdem. Presse bedienen und anhängen und sowas alles. So anstrengend, dass er am Sonntag völlig platt war und Montags beim Arzt saß. Der hat natürlich das Erstaunen Papas ob des plötzlichen Schwächeanfalls nicht verstanden – angesichts der Tatsache, dass ein frisch operierter Patient auf dem Acker rum turnt.

Und dann gab’s da noch die Chemo. Die führte dazu, dass Papa massiv an Gewicht verlor, weil er auf nichts mehr Appetit hatte. Und auch ohne diese Tatsache, zehrt sowas ordentlich am Körper, den Nerven und der Seele. Und das nicht nur bei meinem Vater. Meine Mama, Schwester und ich waren ziemlich niedergeschlagen. Es ist ja zusätzlich zu der „Belastung“ auch das normale Leben weiter zu führen. Noch dazu es mir gar nicht so leicht fällt, irgend etwas wirklich persönliches nach draußen zu lassen. Mag man gar nicht glauben, wenn man die Seite hier liest. Und was gerade mich an der Situation auch sehr mitnahm ist, dass ich so gar nichts helfen konnte – außer mit anpacken. Ich bin kein Mediziner, ich kenne mich mit Medikamenten nicht aus, ich kann nur lesen und klugscheißen. Papa wurde immer schwächer, konnte zwar laufen, aber als Nebenwirkung der Chemo verlor der rechte Fuß langsam an Gefühl und Steuerbarkeit.

Das war kurz vor der Reha so schlimm, dass der Fuß nur noch lose rumschlurfte und wir Fußheber für Papas Schuhe besorgen mussten, damit er wenigstens halbwegs gehen konnte. Die Schwäche gipfelte schließlich darin, dass er am Freitag vor der Reha morgens alleine aufgestanden ist, um Frühstück zu machen und dabei ohnmächtig wurde. Er lag im Esszimmer zwischen den Stühlen und musste ins Krankenhaus. Natürlich große Aufregung, Papa niedergeschlagen, weil eine Verspätung dazu führen würde, dass die Reha neu beantragt werden müsste. Glücklicherweise kam es dazu aber nicht. Im August 2012 – nur einen Tag später als geplant – haben ich und Mama meinen Vater mit seinem Auto nach Bad Driburg gefahren. Im Yeti fahren ging nicht, weil der zu hart war und die Stöße zu starke Schmerzen in den Narben verursachten. Und der S80 ist ja eher so eine Sänfte. Auf’s Zimmer haben wir Papa schon stützen müssen, weil er so kraftlos war. Aber „Reha“ hört sich ja nach „es wird besser“ an und darum waren wir guter Dinge, als wir nach 2 Stunden wieder nach Hause fuhren und Papa der Fürsorge in der Klinik überließen.

Schon am ersten Wochenende saß ich aber mit meiner Mutter und meiner Schwester im Yeti und raste halsbrecherisch über die Autobahn Richtung Paderborn, weil Papa in der Rehaklinik zusammen gebrochen war und in Paderborn im Krankenhaus lag. Da ging es ihm schon etwas besser und es schien wirklich nur ein Schwächeanfall aufgrund der Anstrengung durch die Maßnahmen gewesen zu sein. 3 Tage Rehaunterbrechung haben dann doch nicht dazu geführt, dass er wieder nach Hause musste. Er konnte die Maßnahmen in Bad Driburg zu Ende bringen. Wir haben ihn da unten ein paar Mal besucht und er konnte schon längere Spaziergänge im Wald – mit zwischendurch hinsetzen – machen. Wir waren sogar auf dem Bad Driburger Stadtfest. Wie schön, es geht aufwärts!

Ende September kam Papa nach Hause. Er konnte wieder etwas besser gehen, machte Gartenarbeit, bastelte an den Gerätschaften im Schuppen rum und fuhr mit meiner Mutter zum Einkaufen oder Tim von der Schule abholen. Ein bisschen Normalität zeichnete sich ab. Ende September, Anfang Oktober war das so ungefähr. Wie schon gesagt, ich habe kein Buch geführt. Ich kann hier auch gar nicht beschreiben, wie man sich wirklich bei so einer Sache fühlt. Wie es meinem Vater ging schon mal lange nicht, aber auch nicht wie mies ich mich manchmal fühlte. Immerhin ist klar, dass es trotz aller kleinen Fortschritte – zum Beispiel kam das Gefühl im rechten Fuß langsam zurück, kein weiteres Jahrzehnt mit meinem Vater geben würde.

Leider sprach Papa dann auch an einem Herbstabend davon, einen kleinen Knubbel unterhalb einer seiner Narben zu fühlen. Und der war schon gar nicht mehr so klein. Ein Besuch beim Arzt ein paar Wochen später führte dann zu genaueren Untersuchungen und der lapidaren Feststellung, dass der Knubbel wohl ein Geschwür sei. Zusätzlich zu dieser Botschaft – als wenn es nicht reichen würde – auch noch die Mitteilung, dass in Leber und Lunge Metastasen vorhanden wären. Um der Sache Herr zu werden müsste wieder eine Chemo gemacht werden. Ich habe immer versucht optimistisch zu sein, habe vom Urlaub im nächsten Jahr gesprochen, meinen Eltern den Wohnwagen irgendwohin stellen und so. Vielleicht ein kleineres Auto kaufen, mit dem auch meine Mutter fährt. Es fiel mir immer schwerer, gute Miene zu machen. Zusätzlich noch die Sorge um das Elternhaus. Was passiert mit meiner Mutter und meiner Schwester, die dort alleine wohnen. Und dem vielen Land, das zumindest halbwegs in Ordnung zu halten ist. Das beschäftigte meinen Papa am meisten – und mich auch.

Eigentlich hat sich Papa immer um alles gekümmert und angetrieben. Das hat mich früher, als ich noch dort gewohnt habe mehr als genervt. Wenn ich als Jugendlicher frühmorgens nach Hause gekommen bin – wer macht das nicht? – konnte ich meist auch eine Stunde später schon wieder aufstehen, um zu ackern. Nicht immer, aber oft. Und wenn nicht, dann gab’s Knatsch. Von wegen faul und so. Ich denke, das kennen die meisten. Trotzdem habe ich von meinem Papa sehr viel gelernt. Pingeligkeit Genauigkeit und etwas Ordnung, dass man durchaus Dinge auch selbst reparieren kann und auch ein bisschen grundsätzliches technisches Verständnis. Das finde ich richtig gut und bin ihm dafür sehr dankbar. Viele Dinge kann ich selbst machen, wo andere schulterzuckend zum Telefon greifen. Ich glaube, das war fast wichtiger als die Schule. und das geht nun alles den Bach runter und soll auf absehbare Zeit vorbei sein. Um die Zeit rum, habe ich mehr als einmal Tränen in den Augen gehabt.

Papa sah von Woche zu Woche schlapper aus. Hatte keine Lust mehr zu Familienfeiern zu gehen und immer mehr Probleme beim Essen. Beim Miststreuen im Februar war er nicht mehr dabei und meine Schwester und ich haben allein den Hänger gefüllt und den Traktor gefahren. Auch wenn Papa natürlich immer geguckt hat das alles richtig läuft und schimpfte, wenn wir nur einen Hebel anders bewegten als er. Danach ist er auch nicht mehr mit zum Wald gegangen, um nach einem Baum zu gucken. Ich habe das erste Mal einen Baum alleine gefällt. Nicht weil ich das nicht könnte – natürlich – aber bisher hat er die Säge nicht aus der Hand gegeben. Er hat sich aber nicht nehmen lassen, den Baum auszusuchen. Mit dem Yeti bis zum Wald sind wir gefahren und zurück ist er die 400 Meter alleine gegangen. Aber das war schon ziemlich anstrengend.

All das hat mich sehr mitgenommen und runter gezogen – meine Schwester, Mama und Alex natürlich auch. Es ist wirklich nicht schön. Ich habe zwar Arbeitskollegen und Freunden erzählt, dass mein Vater Krebs hat, aber nur mit ganz, ganz wenigen habe ich wirklich darüber geredet, wie schrecklich das ist. Papa hat dann auch nochmal eine Chemo bekommen, die allerdings wie sich heraustellte kein Stück geholfen hat und lediglich dazu führte, dass er kein Essen mehr mochte. Es schmeckte alles widerlich. Nur noch wenige Happen hat er am Tag gegessen. Eine weitere Chemo im April und Mai hat ebensowenig etwas gebracht und lediglich einen rapiden Abbau der Physis zur Folge gehabt.

Inzwischen war auch nur noch kurz draußen. An manchen Tage fühlte er sich ganz gut, dann hat er im Garten Rasen gemäht oder Unkraut gezupft. Oder sogar an den Ackergeräten geschraubt, aber der Tag danach war dann meist komplett hinüber. Außerdem wurden diese „guten“ Momente auch seltener. Meist lag Papa in einem Liegestuhl im Wohnzimmer und hörte Radio oder machte Kreuzworträtsel. Aufgrund der mehr als spärlichen Ernährung und der mangelnden Bewegung wurde das mit dem Bewegen immer schlechter. Deutlich sah man die Knochen unter der Haut. Im März habe ich an einem super-schönen Frühlingstag den Garten gefräst und Papa kam schon nicht mehr runter in den Garten, sondern hat nur noch von der Terrasse geguckt und Fotos gemacht. Als ich ein paar Tage später ein paar Wurzeln eines Baumes klein gesägt habe, konnte er nicht mehr bis ganz zum Schuppen kommen. Das war der erste Tag, an dem wir ihn zum Haus zurück stützen mussten. Bis dahin hat ihm noch unter viel Anstrengung ein vor vielen Jahren selbst geschnitzter Gehstock gereicht.

In der Zeit ist Papa immer mehr damit beschäftigt gewesen, Dinge für die Zukunft zu regeln. Redete was alles gemacht werden soll, wer was bekommt, ob das Testament so richtig sei, dass wir uns nicht zanken sollen. Alles Sachen, die ich gar nicht hören wollte. Und ich glaube meiner Mutter und Schwester ging es da nicht anders. Ich war mit mir selbst unzufrieden, weil ich nicht zu Hause bei meinem Vater sein konnte, um zu helfen. Auf der anderen Seite, habe ich auch Verpflichtungen und Arbeit. Und ich war ja auch mehrfach in der Woche am Südweg und wenn es nur am Abend eine halbe Stunde „Hallo“ sagen war. Trotzdem bleibt das schlechte Gewissen und das Gefühl der Ohnmacht.

Jetzt, vor zwei Wochen haben wir die beiden kleinen Wiesen gemäht und geheut. Papa hat sich noch nach draußen geschleppt und meiner Schwester und mir gezeigt, wie man den Wender und Schwader richtig anbaut. Gemäht hatte ich die Wiesen mit dem Einachsholder – das hat auch mit ein paar kleinen Schwierigkeiten, die zu ziemlich Getobe führten, ganz gut geklappt. Kleinigkeiten reichen aber schon zum Explodieren. Die Nerven lagen blank. Ich rege mich auf, Tränen fließen, Papa schimpft. Alles Scheiße. Wirklich und richtig. Meine Schwester hat in den Tagen danach das Gras gewendet und sogar Papa hat sich noch einmal auf den New Holland geschleppt und ist ein paar Runden gefahren. Mit den Tränen in den Augen – weil ihm das Spaß machte und er nicht mehr konnte. Ich auch nicht und habe bei jeder Rückfahrt von meinen Eltern einen dicken Kloß im Hals und Tränen in den Augen gehabt.

Am 15.06. habe ich mit dem New Holland die große Wiese gemäht. Vorher haben wir mit Gezank und bösen Worten den Kreiselmäher hinter den Traktor gehängt. Meine Schwester und ich haben uns gekäbbelt und Papa kam mit dazu geschlurft, weil wir natürlich nichts richtig machten. Hat den Traktor mit weit in den Höhlen liegenden Augen ein paar Meter auf dem Hof gefahren und ist dann zur Wiese runter, weil er mir die Bedienung zeigen wollte. Als ich mit in die Kabine gestiegen bin, hat er plötzlich keine Luft mehr bekommen und war kurz vor der Ohnmacht. Mindestens eine Viertstunde saß er mit leerem Blick und ohne ein Wort zu sagen japsend in der Kabine. Ich habe mich in meinem Leben noch nie so beschissen gefühlt. Birgit hat einen Campingstuhl geholt und wir haben Papa das erste Mal ins Haus tragen müssen. Ab da hat er auch nicht mehr im Liegestuhl im Wohnzimmer gelegen, sondern nur noch im Bett. Das er dann auch nicht mehr verlassen hat.

Ich bin jeden Tag zum Südweg gefahren, wir haben geredet, Papa hat uns erzählt, was er für eine Grabplatte haben möchte, was darauf stehen soll, wer eingeladen werden soll. Ich habe die KFZ-Scheine für den Wohnwagen und den kleinen Lasthänger bekommen, damit ich die auf meinen Namen ummelde. Länger als 20 Minuten am Stück konnte er aber nicht mehr reden, dann musste er sich ausruhen. Ich habe Nachts im Bett gelegen und geweint. Gestern war der 19.06. und wir haben Tim gesagt, dass Opa nicht mehr lange leben wird. Dass er sehr krank ist, wusste er – war ja auch nicht zu übersehen – aber nicht, wie schlimm es ist. Hat natürlich auch geweint, wollte aber mit zum Besuchen. Gegessen hat Papa seit letzten Samstag nichts mehr, nur noch ein paar Schlucke Wasser am Tag. Ich habe penetrant versucht, ihm wenigstens hochkalorienhaltige Nahrungsergänzung zum Trinken zu geben – und meine Mama und Schwester auch – aber da wurde er richtig böse.

Mit dem vielen Morphium, dass er nun bekommt, hat er wenigstens keine Schmerzen. Atmen kann er auch nicht mehr richtig und Schleim spuckt er schon seit vielen Wochen ständig. Das Schlucken hat ihm wohl auch schon seit langem Schwierigkeiten bereitet, weil die Metastasen auf dem Rippenfell und die Knubbel rechts und seit langem auch links bei jeder Bewegung fürchterlich weh tun. Sogar mit Morphium. Papa hat keine Lust mehr. Ich sitze hier und bin völlig teilnahmslos. Was im Fernsehen kommt interessiert mich schon seit Monaten nicht. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie bescheuert Sendungen auf RTL und RTL2 angesichts solcher Umstände sind. Die Talkshows der öffentlich rechtlichen gucke ich aus anderen Gründen länger nicht mehr, aber wenn ich da jetzt rein zappe, frage ich mich immer von was dort geredet wird. In welchem Universum sich deren Sichtweisen abspielen. Ich bin richtig fertig, traurig, antriebslos, kann zu Hause nichts anfangen – und ein paar Mal habe ich schon gedacht, dass es womöglich wirklich besser wäre, wenn endlich Schluß ist. Ich bin dann böse auf mich selbst.

Lange habe ich überlegt, ob ich das hier veröffentliche oder nicht. Ich weiß in dem Augenblick, in dem ich das hier schreibe immer noch nicht. Aber zum Einen musste ich das einfach aufschreiben und zum anderen mag es den ein oder anderen geben, der sich dann erklären kann, warum ich möglicherweise irgendwann in den letzten nicht ganz zwei Jahren so reagiert habe, wie ich es tat. Und vielleicht gibt es jemanden, der ebenfalls in so einer Situation ist und dann liest, dass es anderen genauso geht. Das wäre dann nicht so schlecht, denke ich. Es ist jetzt Donnerstagabend, das Heu auf der großen Wiese, das Dienstag schon total super war, ist von den Gewittern der letzten beiden Tage total durchnässt. Mit etwas Glück können wir es Montag oder Dienstag pressen. Ich hoffe, dass wir Papa noch sagen können, dass das letzte Heu trocken auf dem Dachboden verstaut ist.

Freitags hat es noch einmal geregnet, aber nur ein ganz bisschen Fiesel, der Samstag war sehr bewölkt, windig und trocken. Nach ein paar Mal wenden haben wir tatsächlich noch gepresst und Dank tatkräftiger Hilfe war alles was trocken war, um 21 Uhr auf dem Heuboden. Zwischendurch bin ich immer mal zu Papa rein und habe ihm gesagt wie weit wir schon sind. Als es dann geschafft war, sah man richtig einen großen Stein von den Schultern fallen. Hat aufgeatmet und war schlagartig nicht mehr so unruhig und aufgeregt. Mehr als ein gehauchtes „Schön“ war allerdings nicht mehr drin. In den Jahren vorher – auch als er noch gesund war – war das Heumachen immer eine Sache, die für Herzklopfen gesorgt hat. Und dieses Jahr war besonders schlimm, weil er nicht mehr dabei sein konnte.

Montagmittag kam der Hausarzt zu einem Besuch vorbei, hatte bis auf die offensichtliche Krankheit, nichts zu beanstanden. Papa soll Essen oder nicht, trinken oder nicht, wie er möchte und vor allen Dingen, was er möchte. Leider ist das nur Wasser und Morphium. Am traurigsten war Dienstagabend – Papa will alles selbst regeln und darum kam auch der Bestatter bereits vorbei, um die Größe des Grabes, den Ablauf der Feier und solche Sachen zu besprechen. Für ihn war das nichts Ungewöhnliches und kommt wohl häufig vor. Als Betroffener kann ich aber sagen, dass mir das unheimlich nahe gegangen ist.

Papas Laune ist seitdem etwas besser, hat sich sogar wieder ein Radio bringen lassen – um natürlich gleich über den ganzen Mist der da gespielt wird zu schimpfen. Wenn ich Papa danach besuchte, hat er sogar manchmal gelacht, bei einer lustigen Geschichte oder einem Scherz. Donnerstag regte der Arzt an, doch einen Rollstuhl zu besorgen, damit Papa nochmal im Haus rumgeschoben werden oder sogar nach draußen kann. Da grinste er sogar. Heute ist Freitag und ich komme gerade vom Südweg. Papa hat teilweise ziemlich wirr geredet, zwar noch vieles mitbekommen, einiges aber auch durcheinander gewürfelt oder ganz aus einem Traum erzählt.

In den folgenden Tagen döste Papa meist vor sich hin. Wenn er wach war, hat er jeden erkannt und wusste, was er wollte. Zwar ein bisschen vermischt mit Träumen, aber ansonsten klar – auch wenn man ihn nicht mehr immer verstehen konnte.

Am 02.07. um 5:45 Uhr ist Papa endlich von seinem Leiden erlöst worden und eingeschlafen.

14 Kommentare zu “Speiseröhrenkrebs
  1. Stefan sagt:

    Nicht viel zu sagen, außer herzliches Beileid.

    Und das Angebot zu helfen, wenn und falls ich kann.

    Ich finde gut, dass Du den Text veröffentlicht hast. Und ich hoffe Du kannst ihn mit einigem Abstand lesen und den letzten Satz so nehmen, wir Du ihn geschrieben hast.

  2. Anonym sagt:

    Wünsche Ihnen viel Kraft ! Sehr starker Text…

  3. Thorsten sagt:

    Ich wünsche Dir (euch) alle Kraft um deine Trauer zu bewältigen.

    Vor zwei Jhren starb im Sommer meine Oma an Krebs. Sie war die erste Person in meinem Leben die mir soviel bedeutet hat und gestorben ist…

    Nachdem ich deinen Text gelesen habe kann ich nicht glauben das es schon wieder 2 Jahre her ist….

    Meine Oma ruht auf dem Mooskamp und sie fehlt mir immer noch oft…aber leider gehört der Tod zum Lebenszyklus…und für Trauer muss sich niemand schämen….

    Alles gute….

  4. Gucky sagt:

    Ja,.. ich kann dazu auch nicht viel mehr sagen als herzliches Beileid.
    Ich weiß sie das ist wenn die Eltern sterben.
    Aber die Trauer mußt du allein bewältigen und ich denke, dass du mit dem Text schon einen Teil der Trauer verarbeitet hast.
    Möge dein Vater in Frieden ruhen. Friedlich einschlafen möchte ich auch, wenn es mal soweit ist.

  5. Claudia sagt:

    Hallo Andreas,
    auch mein herzliches Beileid, fühl Dich gedrückt von mir.
    Ich finde, Du hast den Text sehr, sehr schön geschrieben. Er geht mir sehr zu Herzen, habe am Ende geweint.
    Wenn man seinen Papa verliert, ist das sehr traurig, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.
    Bitte achte gut auf Dich und Deine Familie.

  6. Martina sagt:

    Lieber Andreas,
    ich kann mich nur anschließen und finde sehr gut, dass du diese Zeilen aufgeschrieben hast; hoffentlich helfen sie dir, alles besser zu verarbeiten. Ich durfte deinen Papa ja auch kennen lernen und habe ihn sehr geschätzt!
    Für die nächsten Tage wünsche ich dir/euch viel Kraft und drücke dich…

  7. Kirsten sagt:

    Auch von mir mein aufrichtiges Beileid und viel Kraft
    für die nächste Zeit für alle von euch.

    Was du geschrieben hast ist sehr schön …

    LG

  8. Löhner sagt:

    Hallo Andreas. Wir kennen uns zwar nicht persönlich, aber ich lese immer wieder gerne Deinen Blog. Von daher möchte auch ich mein Beileid ausdrücken. Ich persönlich finde es immer hilfreich zu wissen, daß eine Person zum Schluss von ihrem Leiden erlöst wurde. Manchmal ist ein Ende mit Schrecken besser als ein Schrecken ohne Ende. Ich hoffe diese Einsicht hilft Euch den Verlust besser zu verkraften. Ich wünsche Euch auf jeden Fall alles Gute!

    Ein Löhner.

  9. Uli sagt:

    Herzliches Beileid!
    Ich kann mit der mitfühlen. Ich habe meinen Vater auch früh verloren. Mein Großvater und mein Schwiegervater verstarben ebenfalls im gleichen Jahr wie mein Vater. Ein schreckliches Jahr!

    Ich wünsche dir und deiner Familie sehr viel Kraft für die nächste Zeit.

    Uli

  10. Helmut sagt:

    Hallo Andreas,
    vielen Dank und große Anerkennung für diesen sehr guten, ehrlichen und persönlichen Bericht. Als Vetter Deines Vaters berührt mich Deine Geschichte sehr -übrigens auch in besonderer Weise die Fotos.
    Dies alles ruft viele Erinnerungen aus der eigenen Kindheit und Jugend wach, plötzlich riecht man das Heu wieder und spürt die (Über-) Anstrengung der Muskeln, das Salz in Augen vom Schweiß (Dein Bericht über das Heuen).
    Es ist so lange her, der familiäre Zusammenhang hat sich aufgelöst, aber die gemeinsame Herkunft und so manche Verhaltensweisen, die Du beschreibst, sind so verdammt vertraut und lassen sich nicht verleugnen. Insofern stimmt es gar nicht, dass Du nur labern kannst, nein, Du bringst viele Dinge sehr gut auf den Punkt. Dein blog ist wirklich lesenswert und hilfreich, auch wenn man nicht Deiner Meinung ist.
    Mit Deiner Art des Nachrufs machst Du mir mit Deiner Offenheit (sogar) Mut, selber auf diesem Felde (!) mehr zu wagen.
    In diesem Sinn sende ich aus der Ferne auf diesem Wege meine Anteilnahme an Dich und die Familie. Möge Harald in Frieden ruhen!

  11. Tanja sagt:

    Hallo Andreas

    Ich durfte deinen Vater bei 2 Besuchen bei Birgit kennen lernen und dein Bericht wiederspiegelt ihn sehr gut, so wie ich ihn an den Besuchen wahr genommen habe.

    Ich finde es toll, dass du das aufgeschrieben hast und auch den Mut hattest, dies zu veröffentlichen. Deine Gefühle und Gedanken sind meiner Meinung nach „natürlich“ – auch ich hatte solche Gedanken, als meine Mutter und Vater starben – allerdings nicht unter den gleichen Umständen.

    Ich wünsche dir und deiner Familie ganz viel Kraft um das Erlebte zu verarbeiten und auch Kraft, Zuversicht und Geduld für die Zukunft. Und dass ihr (du, deine Mutter und Birgit) weiterhin voneinander „schöpfen“ könnt resp. füreinander da seid.

    Tanja

  12. Michael sagt:

    Lieber Eddy,

    es tut mehr sehr Leid, dass Du Deinen Vater verloren hast… insbesondere unter welchen Umständen!

    Es muss unheimlich schwer sein mitzuerleben, wenn ein so agiler Mensch von seiner Krankheit so brutal ausgebremst wird und all die Dinge/Aufgaben, die er gerne machen möchte nicht mehr erledigen kann. Dieses hilflos mit anschauen zu müssen macht sicher unendlich traurig, wütend, hilflos…

    Vielen Dank für Deine sehr offene und persönliche Schilderung, die mir mächtig die Tränen in die Augen getrieben hat. Sie ist eine große Hilfe für Menschen, die etwas ähnliches miterleben müssen … Danke für den Mut, das auch zu veröffentlichen.

    Alles Gute,
    Michael

  13. Horst Schulte sagt:

    Lieber Andreas,

    deinen Blog habe ich heute erst gelesen.

    Deiner Familie und dir gilt meine aufrichtige Anteilnahme. Du hast hier sehr ausführlich berichtet und viele Leser können den Schmerz und den Kummer nachvollziehen.

    Ich wünsche dir die Kraft, das Unabänderliche zu verarbeiten. Mein Vater musste nicht lange leiden. Trotzdem kann ich mir vorstellen, dass der Tod für ihn und auch für die Familie eine Erlösung gewesen ist.

    In herzlicher Anteilnahme
    Horst

  14. jasmin wiesthal sagt:

    Hallo,

    ich bin gerade in deiner Situation. Meine Mutter hat Speiseröhrenkrebs, Chemo, Bestrahlung und jetzt die OP hinter sich. Sie hat über 40 Kilo abgenommen, und wird immer dünner. Sie kann seit der OP fast nichts essen. In die Reha will sie nicht. Ich versuche sie dazu zu bringen, aber dann wird sie wütend.
    Auf der Suche nach Erfahrungen bin ich auf deine Seite gestoßen.
    Ich danke dir für deinen Mut, und ich bin froh, dass du das veröffentlicht hast. Es tut gut, von jemandem zu lesen, der weiß, wie es einem geht.
    Ich hoffe dir geht es mittlerweile besser.
    Danke

1 Pings/Trackbacks für "Speiseröhrenkrebs"
  1. […] mein ständiger Begleiter. Drüber schreiben oder sprechen fällt mir sehr schwer und ich bin meinem Bruder sehr dankbar, das er seine Sichtweise aufgeschrieben hat. Ich kann das nicht so gut wie er, ich […]

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