{"id":8537,"date":"2010-10-08T12:45:36","date_gmt":"2010-10-08T10:45:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreas-edler.de\/blog\/?p=8537"},"modified":"2010-10-08T18:27:24","modified_gmt":"2010-10-08T16:27:24","slug":"tatort-internet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.andreas-edler.de\/blog\/2010\/10\/tatort-internet\/","title":{"rendered":"Tatort Internet"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe mir dann diese vermeintlich aufkl\u00e4rende und seri\u00f6se Sendung ohne Effekthascherei auf RTL II angesehen. Nicht ganz muss ich gestehen, ich habe die ersten 5 Minuten verpasst und nach 50 Minuten konnte ich es nicht mehr ertragen.<\/p>\n<p>Es sollte das Thema Kindesmissbrauch und hier im speziellen die Anbahnung solcher Straftaten \u00fcber das Internet dem geneigten Zuschauer nahe gebracht werden. Ob dabei wirklich &#8211; abseits von Effekthascherei &#8211; an dem Thema interessierte Menschen ausgerechnet bei RTL II vor dem Bildschirm zu finden sind, wage ich zu bezweifeln. Deren Sinn steht doch eher nach Titeln wie &#8222;Grenzenlos geil! &#8211; Die Sexs\u00fcchtigen &#8230;&#8220; welcher allerdings zum vorgezogenen Start von &#8222;Tatort Internet&#8220; aus dem Programm genommen wurde.<\/p>\n<p>Wie dem auch sei, RTL II versuchte es mit dem ernsten und sicher nicht f\u00fcr Sp\u00e4\u00dfe und Klamauk geeignetem Reizthema und holte sich Stephanie zu Guttenberg ins Boot. Die Frau des Bundesverteidigungsministers, der sich f\u00fcr st\u00e4rkere \u00dcberwachung im Internet, die Einf\u00fchrung von Sperrlisten stark macht und dabei v\u00f6lliges Unverst\u00e4ndnis f\u00fcr diejenigen bekundet, die solche Sperren argumentativ verhindern m\u00f6chten. Auch Frau zu Guttenberg ist in der Vergangenheit bei der Sperrdebatte durch L\u00fccken im Wissen um das Internet aufgefallen und hat zuletzt durch die &#8222;Pornoisierung von Jugendidolen&#8220; auf sich aufmerksam gemacht. Hier kommt zusammen, was zusammen geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Ich hab&#8217;s also wider besseren Wissens eingeschaltet und wurde nicht entt\u00e4uscht. Gleich dem US-amerikanischen Vorbild &#8222;To catch a predator&#8220; werden mit fingierten Chats, die von der investigativen Journalistin Krafft-Sch\u00f6ning mit potentiellen T\u00e4tern gef\u00fchrt werden, M\u00e4nner zu Treffen gelockt, um sie danach \u00f6ffentlich vorzuf\u00fchren. Krafft-Sch\u00f6ning gibt sich dabei als minderj\u00e4hriger Teenager aus und mimt virtuell den Lockvogel, w\u00e4hrend dann vor Ort eine Schauspielerin diesen Part \u00fcbernimmt. Zumindest so lange, bis das Kamerateam \u00fcber den vermeintlichen T\u00e4ter herf\u00e4llt und dieser dann von Krafft-Sch\u00f6ning mit Fragen bombardiert wird. Die Fragen sind allesamt durchaus berechtigt und ich habe auch kein Verst\u00e4ndnis oder Mitleid mit solchen Menschen, aber die Art und Weise, wie diese Hetzjagd inszeniert ist, tr\u00e4gt \u00fcberhaupt nichts zur Sache bei, sondern ist einzig und allein das, was von vornherein lauthals ausgeschlossen wurde: Effekthascherei!<\/p>\n<p>Schnelle Schnitte, wackelige Handkamera, dramatische Musik, hektisch nachgesprochene Chatprotokolle und dazu die stakkatoartig vorgebrachten Fragen, lassen die M\u00e4nner schon nach wenigen Sekunden wie arme W\u00fcrstchen aussehen. Dazu wird in Einspielern ein ehemaliger Hamburger Polizeipr\u00e4sident und Innensenator gezeigt, der mit seinem Schnurbart und der Pfeife im Mund aussieht wie Sherlock Holmes &#8211; leider aber deutlich weniger eloquent und gehaltvoll redet. Das ist Comedy pur! Daneben steht die blonde, adrett gestylte zu Guttenberg und schwadroniert dar\u00fcber, dass sie traurig ist, die vorgef\u00fchrten M\u00e4nner nicht verurteilen zu k\u00f6nnen. Wom\u00f6glich gar gleich auf den Scheiterhaufen zu stellen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Sendung kommt der an Aufkl\u00e4rung interessierte Zuschauer nicht ein einziges Mal damit in Ber\u00fchrung, wie und wo sich solche Chats ergeben. Es wird den &#8211; hoffentlich gucken diese \u00fcberhaupt zu &#8211; Eltern potentieller Opfer nicht nahe gebracht, welche Plattformen es gibt, wie ihr Kind sensibilisiert wird, wie die Eltern selbst Kontrolle bzw. Lenkung aus\u00fcben k\u00f6nnen. Es passiert gar nichts, was helfen k\u00f6nnte, diesen Missbrauch einzud\u00e4mmen. Mit keinem Wort gehen Herr Nagel, Frau zu Guttenberg oder Frau Krafft-Sch\u00f6ning darauf ein, was man tun kann, um vorzubeugen. Alles was das Thema abseits von Effekthascherei und tumber Sensationslust bietet wird ausgeklammert. Und so sehr man dar\u00fcber streiten kann, ob es krankhaft ist oder nicht: auch den potentiellen T\u00e4tern, die sich wom\u00f6glich in ihrer Haut selbst nich wohl f\u00fchlen und aus diesem Schema ausbrechen m\u00f6chten, wird keine Hilfestellung gegeben. Vielleicht ist das sogar noch das Erb\u00e4rmlichste an &#8222;Tatort Internet&#8220;.<\/p>\n<p>Ich habe hier eine Sendung gesehen, die sich nicht an Menschen richtet, die sich um ihre Kinder sorgen, sondern an die Leute, die auf Autobahnbr\u00fccken stehen, wenn darunter ein Unfall passiert ist. Das ist widerlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe mir dann diese vermeintlich aufkl\u00e4rende und seri\u00f6se Sendung ohne Effekthascherei auf RTL II angesehen. Nicht ganz muss ich gestehen, ich habe die ersten 5 Minuten verpasst und nach 50 Minuten konnte ich es nicht mehr ertragen. 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