{"id":6809,"date":"2009-06-24T15:35:00","date_gmt":"2009-06-24T14:35:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreas-edler.de\/blog\/2009\/06\/netzleben\/"},"modified":"2009-06-24T15:35:00","modified_gmt":"2009-06-24T14:35:00","slug":"netzleben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.andreas-edler.de\/blog\/2009\/06\/netzleben\/","title":{"rendered":"Netzleben"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin letztes Wochenende zu einem Freund gefahren. Wir wollten erst gucken, wie der Klitschko den Chagaev verkloppt und danach in die Disco. Ein ganz normaler Abend also, allt\u00e4glich. Mal abgesehen davon, dass ich in meinem fortgeschrittenen Alter, nicht mehr weit von der b\u00f6sen 4 vorne entfernt, nicht mehr sonderlich oft in eine Disco gehe. Etwas war aber doch anders, etwas was mir erst einfiel, als ich darauf angesprochen wurde. Ich hatte n\u00e4mlich das erste Mal v\u00f6llig in Gedanken beim aus dem Haus gehen den EeePC in der Hand und den UMTS-Stick in der Tasche. Zu Hause sitze ich auch auf dem Sofa, den Laptop auf dem Scho\u00df und gucke Fernsehen. Per Twitter kommentiere ich das Gesehene und lese gleichzeitig, was andere dazu meinen. Und da ich zum &#8222;Fernseh gucken&#8220; verabredet war, geh\u00f6rt der Laptop dazu, oder?<\/p>\n<p>Genauso selbstverst\u00e4ndlich habe ich auch im Urlaub mindestens einen (bei den letzten beiden mehrt\u00e4gigen Reisen waren es sogar zwei) Rechner dabei. Warum sollte ich im Urlaub auf etwas verzichten, was ich f\u00fcr so selbstverst\u00e4ndlich halte, dass ich es normalerweise gar nicht mehr wahrnehme? Freunde und Arbeitskollegen rei\u00dfen die Augen auf, wie ein Werwolf der gerade Weihwasser getrunken hat, wenn sie nur h\u00f6ren, dass ich im Urlaub *E-MAILS* lese. Mails, das macht man doch nur auf der Arbeit. Computer sind Werkzeuge, die benutzt man notgedrungen zum Geld verdienen. Ich benutze Computer und Netze nicht. Ich lebe damit. Und auch wenn meine Frau das vielleicht nicht ganz so selbstverst\u00e4ndlich sieht, ist sie doch ein zuverl\u00e4ssiger Melder, falls das DSL mal ausgefallen ist. So ganz ohne geht es auch bei ihr inzwischen nicht mehr.<\/p>\n<p>Mein Vater hat mir schon des\u00f6fteren gesagt, ich sei doch &#8222;schon s\u00fcchtig&#8220; danach. Ich sehe die Nutzung von Mail, Blogs, Twitter, IRC, ICQ, UseNet, RSS-Feeds, Napster und was es noch alles an Diensten gibt, nicht als Sucht. Es ist die ganz normale Informationsbeschaffung, meine ganz \u00fcblichen Kommunikationswege. Hat irgendwann irgendjemandem gesagt, er sei &#8222;s\u00fcchtig&#8220;, weil er Zeitung liest oder telefoniert. Oder redet? Warum sollte ich im Urlaub aufh\u00f6ren zu sprechen? Weil ich im B\u00fcro auch spreche und im Urlaub nichts mache, was ich auch auf der Arbeit tue? Mein Vater &#8211; der mir sagt, ich sei s\u00fcchtig &#8211; hat seinen Laptop den ganzen Tag auf dem Esszimmertisch stehen und er nutzt das Ger\u00e4t t\u00e4glich und regelm\u00e4\u00dfig. Er sucht sich Ersatzteile, liest in Foren, informiert sich \u00fcber das Wetter und das Tagesgeschehen. Ich glaube, er schreibt sogar E-Mails. Und er ist Rentner und hat den Laptop erst nach dem Berufsausstieg bekommen. Selbst f\u00fcr ihn ist &#8222;das Netz&#8220; ein Teil seines Lebens, auch wenn er das vielleicht nicht so sieht. Vielleicht gerade weil er es nicht so sieht. Und nat\u00fcrlich wird er mir sagen, nachdem er das hier gelesen hat (was er t\u00e4glich tut) dass das nicht stimmt ;-)<\/p>\n<p>Ich habe meinen ersten Rechner so ungef\u00e4hr 1985\/1986 bekommen. Einen beigen C64 mit farblich abgestimmter Datasette (aus Kostengr\u00fcnden von einem Drittanbieter), den ich nach dem Auspacken gl\u00fccklich l\u00e4chelnd gestreichelt habe. Genau das gleiche hat \u00fcbrigens mein Nachwuchs mit seinem Lerncomputer gemacht, der sich beim Ausschalten immer freundlich von ihm verabschiedet. Kurz darauf habe ich bei einem Nachbarn per ebenfalls am C64 angeschlossenen Akustikkoppler erste Mailboxen angew\u00e4hlt. Es war f\u00fcr mich in der Realschule v\u00f6llig normal, eine Sinuskurve nicht mit dem Bleistift mittels ausgerechneter Koordinaten auf Karopapier zu malen, sondern gleich ein kleines Basicprogramm zu schreiben, welches die Kurve auf dem Nadeldrucker ausgab. Was sage ich, nicht nur die eine Kurve aus Aufgabe 17 auf Seite 8 im Mathebuch, sondern die Kurven *aller Aufgaben* von allen Funktionen die ich dem kleinen Programm vorgeworfen habe. Der Rechner ist f\u00fcr mich keine Arbeit, er ist ein Werkzeug, mir die Arbeit zu erleichtern. <\/p>\n<p>Aus Gr\u00fcnden, die ich im nachhinein nicht mehr so Recht nachvollziehen kann und die wahrscheinlich nicht existieren, hatte ich zwischen 1991 und 1995 keinen Computer. Ich hab&#8217;s \u00fcberlebt. Nachdem &#8217;95 der Pentium bei uns Einzug gehalten hat, kam recht fix ein 14.4er Modem, eins 28.8er Geschwindigkeit, ISDN und sofort nachdem es bei uns bereitstand auch DSL dazu. Meine erste Homepage war 1996 zu bewundern, seit 1999 mit eigener Domain. In der ganzen Zeit habe ich \u00fcber das Netz Leute kennen gelernt, mit Ihnen Gedanken, Informationen und Hilfe ausgetauscht und es hat mich (au\u00dfer den &#8211; anfangs horrenden! &#8211; Verbindungsentgelten) nichts gekostet. Ich gucke im Vorbeigehen im Arbeitszimmer nach meinen Mails oder lese die Schlagzeilen der abonnierten Feeds. Das mache ich auch unterwegs (Flatrate sei Dank) auf dem Handy. Ich kaufe bis bis auf Lebensmittel fast alles Online, mindestens informiere ich mich aber vor dem Kauf im Netz. Ich lerne t\u00e4glich, st\u00fcndlich im Internet, vieles was ich lese ist neu. Zeigt neue Sichtweisen, neue Blickwinkel und andere Meinungen. Nichts davon k\u00f6nnte ich in dem Umfang und der Geschwindigkeit mit klassischen Offline-Medien haben.<\/p>\n<p>Meine Schw\u00e4gerin hat ihren Mann bei Isudi (die \u00c4lteren erinnern sich) kennen gelernt und mein Sohn sagt mir, ich soll seine neueste Lego-Kreation fotografieren, um das Bild an den Lego-Club zu *mailen*! Aber nicht vergessen, es auch ins Internet zu stellen! F\u00fcr ihn gibt es keine Welt ohne E-Mail und Internet.<\/p>\n<p>Das Netz ist selbstverst\u00e4ndlich, es ist einfach da, ich nutze es wie ich meinen Mund zum Sprechen oder die Ohren zum H\u00f6ren nutze. Ich verdiene u.a. meinen Lebensunterhalt damit und ich verbringe einen Teil der Freizeit dort und damit. Ich habe keine blasse Haut, keine eckigen Augen und auch keine str\u00e4hnigen Haare. Ich wei\u00df wie man einen Schweinestall mistet &#8211; nicht aus der Wikipedia, sondern weil ich es selbst gemacht habe. Ich kann einen Vespamotor zerlegen und wieder zusammen bauen und er l\u00e4uft danach <s>noch<\/s> wieder. Ich habe das im Internet geschrieben und schon nachts um halb zw\u00f6lf mit jemandem telefoniert, der das gelesen hat und mich nun fragten wie er die Geh\u00e4useh\u00e4lften des vor ihm liegenden Motors trennen kann. Durchaus nenne ich Menschen meine Freunde, Menschen die ich im &#8222;richtigen Leben&#8220; kennen gelernt habe &#8211; und auch einige, die ich nur \u00fcber das Netz kenne. Mit beiden kommuniziere ich u.a. elektronisch.<\/p>\n<p>Ich bin nicht s\u00fcchtig nach dem Internet. Ich bin auch nicht s\u00fcchtig nach einem Telefon oder einem Teller Pudding. Ich lebe einfach. Und wenn fr\u00fcher die Leute einen berittenen Kurier los schickten, um jemand anderem etwas mitzuteilen, dann ist das heute per Mail etwas bequemer. Solche wie mich gibt es millionenfach.<\/p>\n<p>Es ist wie es ist, Dinge ver\u00e4ndern sich. Und das Problem an der Sache ist, dass es Menschen gibt, die diese Ver\u00e4nderung nicht mitbekommen. Und wenn sie davon h\u00f6ren, es nicht wahr haben wollen. F\u00fcr diese Menschen ist das Netz unverst\u00e4ndlich und b\u00f6se. Das war schon immer so. Wat der Buer nich kennt, dat frett er nich. Die Erde ist rund? Wo kommen wir denn da hin. Die Sonne ist der Mittelpunkt unseres Sonnensystems? Ketzer! Sobald man schneller als 30 Kilometer in der Stunde f\u00e4hrt, sammelt sich das Blut im R\u00fcckenmark &#8211; alles was schneller als eine Pferdedroschke f\u00e4hrt, ist Teufelszeug. Wer Milch auf Wasser trinkt, bekommt L\u00e4use im Bauch.<\/p>\n<p>Unsere Politiker verstehen nicht, was das Netz ist und wie es funktioniert. Und sie sollen uns regieren. Aber wie k\u00f6nnen sie jemanden regieren, der ihnen weit \u00fcberlegen ist? Nun, sie machen es wie es schon immer gemacht wurde. Informationen werden gekappt. Sie werden gesperrt und weggeschlossen. Diejenigen, die Informationen verbreiten werden denunziert und mundtot gemacht. Leider haben sie eins dabei vergessen: das hat auch in den letzten 2.000 Jahren noch nie dauerhaft funktioniert. Wissen hat sich immer seinen Weg gebahnt. Fr\u00fcher langsamer, aber so wie die Geschwindigkeit der Informationsverbreitung zunahm, nahm auch die Wissensverbreitung zu. Gutenberg hat den Buchdruck erfunden, heute gibt es das Netz. B\u00fccher mussten transportiert und gelagert werden. Das Netz ist einfach da.<\/p>\n<p>Es ist nicht sperr- oder abschaltbar. Und es gelten dort auch keine anderen Gesetze, als im richtigen Leben. Entgegen aller Beteuerungen unserer Regierung. Und das ist gut so.<\/p>\n<p>Die einzige L\u00f6sung kann also nur sein, zu informieren. Informiert wen ihr k\u00f6nnt und wo ihr sie trefft. Ich hatte letztlich ein sehr interessantes Gespr\u00e4ch mit dem Onkel und der Tante von Alex und denen waren die Zusammenh\u00e4nge zwischen Internetsperren, L\u00f6schung von Seiten, wer da was fordert und wie es umgesetzt werden soll nicht klar. Und wenn man das mal erkl\u00e4rt, dann lautet die R\u00fcckfrage: &#8222;Und warum l\u00f6schen die das dann nicht sofort?&#8220; &#8211; tja, und da kann ich dann auch nur mit den Schultern zucken. Ich wei\u00df es einfach nicht.<\/p>\n<p>Wohl aber wei\u00df ich, was das &#8222;Zugangserschwerungsgesetz&#8220; bringen wird: ein f\u00fcr diejenigen, die es entsprechend nutzen wollen, herrlich ungest\u00f6rtes Internet. Denn wenn ein BKA-Beamter eine Seite erstmal auf die Liste gesetzt hat, dann hat er seine Arbeit getan. Aus den Augen aus dem Sinn. Da aktuell ganz offensichtlich die Seiten nicht entfernt werden, werden sie es nach einer Sperre erst recht nicht mehr. Die sind ja nicht mehr zu erreichen. Um eine Verfolgung mu\u00df sich hinter dem Stoppschild-Vorhang keiner Sorgen machen. Sorgen m\u00fcssen sich nur diejenigen, die den Vorhang sehen. Und wir werden immer mehr Vorh\u00e4nge sehen. Dahinter werden diejenigen, die jetzt als Grund f\u00fcr die Sperren mi\u00dfbraucht werden, weiter ihrem Schicksal \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Ich will das Netz weiter nutzen k\u00f6nnen, ich will keine berittenen Boten mehr. Und ich will keinen Vorhang vor einem Mi\u00dfstand. Man behebt Mi\u00dfst\u00e4nde nicht dadurch, dass man wegguckt. Ich gucke nicht weg, wenn jemand auf der Stra\u00dfe seine Frau verpr\u00fcgelt und ich gucke nicht weg, wenn jemand irgendwo am Boden liegt. Es hilft denjenigen dann auch nicht, wenn schnell ein Polizist ein Tuch davor h\u00e4lt und mir sagt: &#8222;Hier gibt es nichts zu sehen!&#8220;.<\/p>\n<p>Siehe auch: <a href=\"http:\/\/unkreativ.net\/wordpress\/?p=6258\">Unkreativ<\/a>, <a href=\"http:\/\/blog.koehntopp.de\/archives\/2518-Falscher-Planet,-falsches-Jahrtausend.html\">isotopp<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin letztes Wochenende zu einem Freund gefahren. Wir wollten erst gucken, wie der Klitschko den Chagaev verkloppt und danach in die Disco. Ein ganz normaler Abend also, allt\u00e4glich. 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