{"id":17507,"date":"2013-07-02T15:33:36","date_gmt":"2013-07-02T13:33:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.andreas-edler.de\/blog\/?p=17507"},"modified":"2021-01-16T23:14:44","modified_gmt":"2021-01-16T22:14:44","slug":"speiseroehrenkrebs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.andreas-edler.de\/blog\/2013\/07\/speiseroehrenkrebs\/","title":{"rendered":"Speiser\u00f6hrenkrebs"},"content":{"rendered":"<p>Am 27.10.2011 hatte ich mir Urlaub genommen. War ein Donnerstag, f\u00fcr den Freitag hatte ich ebenfalls Urlaub eingetragen, weil an den beiden Tagen unser neuer Carport aufgestellt werden sollte. Die H\u00f6lzer lagen schon ein paar Tage zugeschnitten auf dem Hof, waren gestrichen und warteten auf die Montage. Ein Freund, der sich mit dem Carport-Bau selbst\u00e4ndig gemacht hat, hatte den Auftrag bekommen und ich war als Helfer engagiert. So sind wir dann gegen 9 Uhr angefangen zu hantieren. Alex war f\u00fcr ein paar Tage bei Tims Patentante in Aachen. Gegen 11 Uhr fuhr meine Schwester bei uns auf den Hof, was insofern ungew\u00f6hnlich war, als dass sie ja nun auch arbeiten muss und das \u00fcblicherweise nicht bei uns, sondern in Bad Oexen tut. Als ich bei ihr am Auto stand, habe ich nur die roten Augen gesehen und mir war gleich klar, dass da irgendwas im Busche ist. Sie konnte dann auch nur mit tr\u00e4nenerstickter Stimme sagen &#8222;Papa hat Speiser\u00f6hrenkrebs, wir kommen gerade von der Untersuchung. So schnell wie m\u00f6glich Chemo und dann OP.&#8220; Mehr als &#8222;OK&#8220; konnte ich nicht erwidern, sie ist dann auch sofort gefahren.<!--more--><\/p>\n<p>Da stand ich nun. Mit dem Carportbauer wollte ich in dem Augenblick nicht dar\u00fcber reden und Alex anrufen auch nicht. Wegfahren ist ebenfalls schlecht m\u00f6glich, wenn ich extra die Tage zum Aufbauen eingeplant hatte und der Handwerker vor Ort ist. Das waren zwei beschissene Tage. Ich weiss nicht, wie ich das beschreiben soll, aber ich habe garantiert einen ziemlich unh\u00f6flichen Eindruck gemacht. Mein Klo\u00df im Hals war so gro\u00df wie ein Fu\u00dfball und ich muste mich echt zusammen rei\u00dfen, um nicht zu heulen. Ziemlich stoisch habe ich dann Balken angegeben und Schrauben angezogen. Als Alex aus dem B\u00fcro kam, habe ich sie nat\u00fcrlich sofort zur Seite genommen und alles erz\u00e4hlt und abends bin ich zu meinen Eltern. Verst\u00e4ndlicherweise war auch dort die Stimmung ziemlich mies. Was soll man in so einer Situation sagen? Ich hatte nat\u00fcrlich zwischendurch am Tag schon bei Google gelesen, mein Vater auch. Es ist wohl allen klar gewesen, was die Diagnose bedeutet.<\/p>\n<p>Es dauerte dann doch ein paar Wochen, bis der erste Chemo-Termin anstand. Und tats\u00e4chlich muss man im nachhinein sagen, dass Papa das deutlich besser vertragen hat, als man es von anderen Leuten schon geh\u00f6rt hat. Zwar extremes Kribbeln in den Gliedma\u00dfen, f\u00fcrchterlich k\u00e4lteempfindlich (was besonders im Winter nicht so prickelnd ist) und m\u00fcde, aber keine \u00dcbelkeit und auch sonst konnte er sich noch halbwegs normal bewegen. So normal, dass wir im Februar bei um die minus 15\u00b0C sogar noch einen Baum gef\u00e4llt haben. Da war er allerdings schon so weit geschw\u00e4cht, dass ich mit dem Yeti bis an den Wald gefahren bin. Die Kettens\u00e4ge wollte er sich aber trotz allem nicht aus der Hand nehmen lassen! Die abges\u00e4gten Baumscheiben habe ich dann allein  getragen, da hat er h\u00f6chstens mit angepackt. Alleine w\u00e4r&#8217;s f\u00fcr ihn nicht zu bewerkstelligen gewesen. Die ganze erste Chemo bis vor der OP dauerte fast 2 1\/2 Monate und in der folgenden Untersuchung zeigte sich der Arzt auch sehr zufrieden. Der Tumor war tats\u00e4chlich sp\u00fcrbar geschrumpft, schien keine Ausl\u00e4ufer in umgebendes Gewebe zu haben und die Lymphen waren unauff\u00e4llig. Der OP stand nichts im Wege. <\/p>\n<p style=\"text-align:center;font-size: smaller;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.andreas-edler.de\/grafik\/blog_2013\/201306_papa_2_holz.jpg\" width=\"470\" border=\"0\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n<p> Bis auf die Lungenentz\u00fcndung, die 1 Woche vor der angesetzten OP einen R\u00fcckschlag bedeutete. Fast eine Woche Krankenhaus und der Termin f\u00fcr den Eingriff musste verschoben werden. Ich habe die ganze Zeit versucht, die Geschichte wenn auch nicht zu verharmlosen, dann aber doch zumindest in der Zukunft positiv zu sehen. Und das fiel mir sehr schwer. Ende 2011 und der Anfang 2012 waren nicht einfach. F\u00fcr die ganze Familie nicht. Meine Schwester wohnt bei meinen Eltern und ist in der Zeit viele Wege zum Arzt usw. gefahren. Ab und zu konnte Papa aufgrund der Chemo einfach nicht. Meine Mama ist kein Auto mehr gefahren, seit ich 16 war. Das ist eine verdammt lange Zeit und man kann sich nicht einfach von jetzt auf gleich hinter das Lenkrad setzen. Aber ich denke, da wird kein Weg dran vorbei gehen. Inzwischen hatte sich das Befinden meines Vaters so weit gebessert, dass Anfang April endlich die von allen ersehnte OP stattfinden konnte. Und die war ein Erfolg!<\/p>\n<p>Zumindest sagte dass der Arzt bei aller Zur\u00fcckhaltung und Vorsicht. Es wurde ca. 1\/3 der Speiser\u00f6hre am Eingang zum Magen entfernt und ca. 1\/3 des Magens. Die Reste wurden verbunden und wenn alles gut verl\u00e4uft, sollte die Ern\u00e4hrung &#8211; wenn auch etwas eingeschr\u00e4nkt &#8211; wieder genauso wie vorher funktionieren. Lief aber nicht alles gut. Die Naht zwischen Speiser\u00f6hre und Magen war nicht dicht und die k\u00fcnstliche Ern\u00e4hrung musste deutlich l\u00e4nger als geplant vorgenommen werden. Die Schl\u00e4uche in Hals, Arm und R\u00fccken somit l\u00e4nger im K\u00f6rper verbleiben und nat\u00fcrlich Papa auch l\u00e4nger im Krankenhaus liegen. Er hat dabei f\u00fcrchterlich abgebaut. Sowohl physisch, als auch psychisch. Und der Rest der Familie auch. Wir sind jeden Tag mit meiner Mutter ins Johannes-Wessling-Klinikum gefahren. Immer abwechselnd meine Schwester und ich. Ich dachte ja schon, dass 2011 insgesamt ein beschissenes Jahr war, 2012 hat es aber locker getoppt. Ich selbst war inzwischen auch ziemlich antriebslos und gereizt. Au\u00dferdem eigentlich rund um die Uhr traurig. Ob das normal, nachvollziehbar oder albern ist &#8230; ich wei\u00df es nicht. Mir ging es jedenfalls so und ich konnte nichts daran \u00e4ndern. <\/p>\n<p style=\"text-align:center;font-size: smaller;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.andreas-edler.de\/grafik\/blog_2013\/201306_papa_krankenhaus.jpg\" width=\"470\" border=\"0\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n<p> Ich schreibe diesen Text im Winter 2012 und teilweise auch schon in 2013. Inzwischen \u00e4rgere ich mich, dass ich den Ablauf der Krankheit nicht genauer protokolliert habe. Total bescheuert, es w\u00fcrde mir und niemandem sonst irgendetwas bringen. Aber genauso \u00e4rgert man sich irgendwann, dass man nicht notiert, was die ersten gebrabbelten Worte des Nachwuchs waren oder wann genau er wo 5 Schritte gegangen ist. <\/p>\n<p>Irgendwann im Mai ist Papa dann nach Hause gekommen und solte z\u00fcgig danach auch zur Reha. Vorher standen noch einige Untersuchungen an, in denen dann mitgeteilt wurde, dass vor einer Reha, erst nochmal Chemo gemacht werden sollte. W\u00e4re so \u00fcblich. Begeisterung ist anders. Trotzdem ging es im noch halbwegs gut und leichtere Arbeiten im Garten hat er immer noch selbst gemacht. <\/p>\n<p style=\"text-align:center;font-size: smaller;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.andreas-edler.de\/grafik\/blog_2013\/201306_papa_garten_andreas_fraese.jpg\" width=\"470\" border=\"0\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n<p> Nur mit den Ger\u00e4ten klappte es nicht mehr so richtig. Alles was vibrierte oder Kraftanstrengung im Bauch bedeutete, war zu schmerzhaft in den Narben, aber verhaltener Optimismus lag in der Luft. So derma\u00dfen optimistisch, dass wir Ende Juni <a href=\"http:\/\/www.andreas-edler.de\/blog\/2012\/06\/und-wieder-mal-heu-machen\/\">das \u00fcbliche Heu auf der gro\u00dfen Wiese<\/a> machten und Papa &#8211; knapp 2 Monate nach der OP &#8211; schon wieder auf dem Traktor sa\u00df. Nat\u00fcrlich hat er keine Bunde gestapelt, aber anstrengend ist das trotzdem. Presse bedienen und anh\u00e4ngen und sowas alles. So anstrengend, dass er am Sonntag v\u00f6llig platt war und Montags beim Arzt sa\u00df. Der hat nat\u00fcrlich das Erstaunen Papas ob des pl\u00f6tzlichen Schw\u00e4cheanfalls nicht verstanden &#8211; angesichts der Tatsache, dass ein frisch operierter Patient auf dem Acker rum turnt. <\/p>\n<p style=\"text-align:center;font-size: smaller;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.andreas-edler.de\/grafik\/blog_2013\/201306_papa_3_presse.jpg\" width=\"470\" border=\"0\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n<p> Und dann gab&#8217;s da noch die Chemo. Die f\u00fchrte dazu, dass Papa massiv an Gewicht verlor, weil er auf nichts mehr Appetit hatte. Und auch ohne diese Tatsache, zehrt sowas ordentlich am K\u00f6rper, den Nerven und der Seele. Und das nicht nur bei meinem Vater. Meine Mama, Schwester und ich waren ziemlich niedergeschlagen. Es ist ja zus\u00e4tzlich zu der &#8222;Belastung&#8220; auch das normale Leben weiter zu f\u00fchren. Noch dazu es mir gar nicht so leicht f\u00e4llt, irgend etwas wirklich pers\u00f6nliches nach drau\u00dfen zu lassen. Mag man gar nicht glauben, wenn man die Seite hier liest. Und was gerade mich an der Situation auch sehr mitnahm ist, dass ich so gar nichts helfen konnte &#8211; au\u00dfer mit anpacken. Ich bin kein Mediziner, ich kenne mich mit Medikamenten nicht aus, ich kann nur lesen und klugschei\u00dfen. Papa wurde immer schw\u00e4cher, konnte zwar laufen, aber als Nebenwirkung der Chemo verlor der rechte Fu\u00df langsam an Gef\u00fchl und Steuerbarkeit.<\/p>\n<p>Das war kurz vor der Reha so schlimm, dass der Fu\u00df nur noch lose rumschlurfte und wir Fu\u00dfheber f\u00fcr Papas Schuhe besorgen mussten, damit er wenigstens halbwegs gehen konnte. Die Schw\u00e4che gipfelte schlie\u00dflich darin, dass er am Freitag vor der Reha morgens alleine aufgestanden ist, um Fr\u00fchst\u00fcck zu machen und dabei ohnm\u00e4chtig wurde. Er lag im Esszimmer zwischen den St\u00fchlen und musste ins Krankenhaus. Nat\u00fcrlich gro\u00dfe Aufregung, Papa niedergeschlagen, weil eine Versp\u00e4tung dazu f\u00fchren w\u00fcrde, dass die Reha neu beantragt werden m\u00fcsste. Gl\u00fccklicherweise kam es dazu aber nicht. Im August 2012 &#8211; nur einen Tag sp\u00e4ter als geplant &#8211; haben ich und Mama meinen Vater mit seinem Auto nach Bad Driburg gefahren. Im Yeti fahren ging nicht, weil der zu hart war und die St\u00f6\u00dfe zu starke Schmerzen in den Narben verursachten. Und der S80 ist ja eher so eine S\u00e4nfte. Auf&#8217;s Zimmer haben wir Papa schon st\u00fctzen m\u00fcssen, weil er so kraftlos war. Aber &#8222;Reha&#8220; h\u00f6rt sich ja nach &#8222;es wird besser&#8220; an und darum waren wir guter Dinge, als wir nach 2 Stunden wieder nach Hause fuhren und Papa der F\u00fcrsorge in der Klinik \u00fcberlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Schon am ersten Wochenende sa\u00df ich aber mit meiner Mutter und meiner Schwester im Yeti und raste halsbrecherisch \u00fcber die Autobahn Richtung Paderborn, weil Papa in der Rehaklinik zusammen gebrochen war und in Paderborn im Krankenhaus lag. Da ging es ihm schon etwas besser und es schien wirklich nur ein Schw\u00e4cheanfall aufgrund der Anstrengung durch die Ma\u00dfnahmen gewesen zu sein. 3 Tage Rehaunterbrechung haben dann doch nicht dazu gef\u00fchrt, dass er wieder nach Hause musste. Er konnte die Ma\u00dfnahmen in Bad Driburg zu Ende bringen. Wir haben ihn da unten ein paar Mal besucht und er konnte schon l\u00e4ngere Spazierg\u00e4nge im Wald &#8211; mit zwischendurch hinsetzen &#8211; machen. Wir waren sogar auf dem Bad Driburger Stadtfest. Wie sch\u00f6n, es geht aufw\u00e4rts! <\/p>\n<p style=\"text-align:center;font-size: smaller;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.andreas-edler.de\/grafik\/blog_2013\/201306_papa_bad_driburg.jpg\" width=\"470\" border=\"0\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n<p> Ende September kam Papa nach Hause. Er konnte wieder etwas besser gehen, machte Gartenarbeit, bastelte an den Ger\u00e4tschaften im Schuppen rum und fuhr mit meiner Mutter zum Einkaufen oder Tim von der Schule abholen. Ein bisschen Normalit\u00e4t zeichnete sich ab. Ende September, Anfang Oktober war das so ungef\u00e4hr. Wie schon gesagt, ich habe kein Buch gef\u00fchrt. Ich kann hier auch gar nicht beschreiben, wie man sich wirklich bei so einer Sache f\u00fchlt. Wie es meinem Vater ging schon mal lange nicht, aber auch nicht wie mies ich mich manchmal f\u00fchlte. Immerhin ist klar, dass es trotz aller kleinen Fortschritte &#8211; zum Beispiel kam das Gef\u00fchl im rechten Fu\u00df langsam zur\u00fcck, kein weiteres Jahrzehnt mit meinem Vater geben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Leider sprach Papa dann auch an einem Herbstabend davon, einen kleinen Knubbel unterhalb einer seiner Narben zu f\u00fchlen. Und der war schon gar nicht mehr so klein. Ein Besuch beim Arzt ein paar Wochen sp\u00e4ter f\u00fchrte dann zu genaueren Untersuchungen und der lapidaren Feststellung, dass der Knubbel wohl ein Geschw\u00fcr sei. Zus\u00e4tzlich zu dieser Botschaft &#8211; als wenn es nicht reichen w\u00fcrde &#8211; auch noch die Mitteilung, dass in Leber und Lunge Metastasen vorhanden w\u00e4ren. Um der Sache Herr zu werden m\u00fcsste wieder eine Chemo gemacht werden. Ich habe immer versucht optimistisch zu sein, habe vom Urlaub im n\u00e4chsten Jahr gesprochen, meinen Eltern den Wohnwagen irgendwohin stellen und so. Vielleicht ein kleineres Auto kaufen, mit dem auch meine Mutter f\u00e4hrt. Es fiel mir immer schwerer, gute Miene zu machen. Zus\u00e4tzlich noch die Sorge um das Elternhaus. Was passiert mit meiner Mutter und meiner Schwester, die dort alleine wohnen. Und dem vielen Land, das zumindest halbwegs in Ordnung zu halten ist. Das besch\u00e4ftigte meinen Papa am meisten &#8211; und mich auch.<\/p>\n<p>Eigentlich hat sich Papa immer um alles gek\u00fcmmert und angetrieben. Das hat mich fr\u00fcher, als ich noch dort gewohnt habe mehr als genervt. Wenn ich als Jugendlicher fr\u00fchmorgens nach Hause gekommen bin &#8211; wer macht das nicht? &#8211; konnte ich meist auch eine Stunde sp\u00e4ter schon wieder aufstehen, um zu ackern. Nicht immer, aber oft. Und wenn nicht, dann gab&#8217;s Knatsch. Von wegen faul und so. Ich denke, das kennen die meisten. Trotzdem habe ich von meinem Papa sehr viel gelernt. <s>Pingeligkeit<\/s> Genauigkeit und etwas Ordnung, dass man durchaus Dinge auch selbst reparieren kann und auch ein bisschen grunds\u00e4tzliches technisches Verst\u00e4ndnis. Das finde ich richtig gut und bin ihm daf\u00fcr sehr dankbar. Viele Dinge kann ich selbst machen, wo andere schulterzuckend zum Telefon greifen. Ich glaube, das war fast wichtiger als die Schule. und das geht nun alles den Bach runter und soll auf absehbare Zeit vorbei sein. Um die Zeit rum, habe ich mehr als einmal Tr\u00e4nen in den Augen gehabt.<\/p>\n<p>Papa sah von Woche zu Woche schlapper aus. Hatte keine Lust mehr zu Familienfeiern zu gehen und immer mehr Probleme beim Essen. Beim <a href=\"http:\/\/www.andreas-edler.de\/blog\/2013\/02\/samstagsbeschaeftigung\/\">Miststreuen im Februar<\/a> war er nicht mehr dabei und meine Schwester und ich haben allein den H\u00e4nger gef\u00fcllt und den Traktor gefahren. Auch wenn Papa nat\u00fcrlich immer geguckt hat das alles richtig l\u00e4uft und schimpfte, wenn wir nur einen Hebel anders bewegten als er. Danach ist er auch nicht mehr mit zum Wald gegangen, um nach einem Baum zu gucken. Ich habe das erste Mal einen Baum alleine gef\u00e4llt. Nicht weil ich das nicht k\u00f6nnte &#8211; nat\u00fcrlich &#8211; aber bisher hat er die S\u00e4ge nicht aus der Hand gegeben. Er hat sich aber nicht nehmen lassen, den Baum auszusuchen. Mit dem Yeti bis zum Wald sind wir gefahren und zur\u00fcck ist er die 400 Meter alleine gegangen. Aber das war schon ziemlich anstrengend. <\/p>\n<p style=\"text-align:center;font-size: smaller;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.andreas-edler.de\/grafik\/blog_2013\/201306_papa_mist_fahren.jpg\" width=\"470\" border=\"0\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n<p> All das hat mich sehr mitgenommen und runter gezogen &#8211; meine Schwester, Mama und Alex nat\u00fcrlich auch. Es ist wirklich nicht sch\u00f6n. Ich habe zwar Arbeitskollegen und Freunden erz\u00e4hlt, dass mein Vater Krebs hat, aber nur mit ganz, ganz wenigen habe ich wirklich dar\u00fcber geredet, wie schrecklich das ist. Papa hat dann auch nochmal eine Chemo bekommen, die allerdings wie sich heraustellte kein St\u00fcck geholfen hat und lediglich dazu f\u00fchrte, dass er kein Essen mehr mochte. Es schmeckte alles widerlich. Nur noch wenige Happen hat er am Tag gegessen. Eine weitere Chemo im April und Mai hat ebensowenig etwas gebracht und lediglich einen rapiden Abbau der Physis zur Folge gehabt.<\/p>\n<p>Inzwischen war auch nur noch kurz drau\u00dfen. An manchen Tage f\u00fchlte er sich ganz gut, dann hat er im Garten Rasen gem\u00e4ht oder Unkraut gezupft. Oder sogar an den Ackerger\u00e4ten geschraubt, aber der Tag danach war dann meist komplett hin\u00fcber. Au\u00dferdem wurden diese &#8222;guten&#8220; Momente auch seltener. Meist lag Papa in einem Liegestuhl im Wohnzimmer und h\u00f6rte Radio oder machte Kreuzwortr\u00e4tsel. Aufgrund der mehr als sp\u00e4rlichen Ern\u00e4hrung und der mangelnden Bewegung wurde das mit dem Bewegen immer schlechter. Deutlich sah man die Knochen unter der Haut. Im M\u00e4rz habe ich an einem super-sch\u00f6nen Fr\u00fchlingstag <a href=\"http:\/\/www.andreas-edler.de\/blog\/2013\/03\/im-maerzen-der-bauer\/\">den Garten gefr\u00e4st<\/a> und Papa kam schon nicht mehr runter in den Garten, sondern hat nur noch von der Terrasse geguckt und Fotos gemacht. Als ich ein paar Tage sp\u00e4ter ein paar Wurzeln eines Baumes klein ges\u00e4gt habe, konnte er nicht mehr bis ganz zum Schuppen kommen. Das war der erste Tag, an dem wir ihn zum Haus zur\u00fcck st\u00fctzen mussten. Bis dahin hat ihm noch unter viel Anstrengung ein vor vielen Jahren selbst geschnitzter Gehstock gereicht.<\/p>\n<p>In der Zeit ist Papa immer mehr damit besch\u00e4ftigt gewesen, Dinge f\u00fcr die Zukunft zu regeln. Redete was alles gemacht werden soll, wer was bekommt, ob das Testament so richtig sei, dass wir uns nicht zanken sollen. Alles Sachen, die ich gar nicht h\u00f6ren wollte. Und ich glaube meiner Mutter und Schwester ging es da nicht anders. Ich war mit mir selbst unzufrieden, weil ich nicht zu Hause bei meinem Vater sein konnte, um zu helfen. Auf der anderen Seite, habe ich auch Verpflichtungen und Arbeit. Und ich war ja auch mehrfach in der Woche am S\u00fcdweg und wenn es nur am Abend eine halbe Stunde &#8222;Hallo&#8220; sagen war. Trotzdem bleibt das schlechte Gewissen und das Gef\u00fchl der Ohnmacht.<\/p>\n<p>Jetzt, vor zwei Wochen haben wir die beiden kleinen Wiesen gem\u00e4ht und geheut. Papa hat sich noch nach drau\u00dfen geschleppt und meiner Schwester und mir gezeigt, wie man den Wender und Schwader richtig anbaut. Gem\u00e4ht hatte ich die Wiesen mit dem Einachsholder &#8211; das hat auch mit ein paar kleinen Schwierigkeiten, die zu ziemlich Getobe f\u00fchrten, ganz gut geklappt. Kleinigkeiten reichen aber schon zum Explodieren. Die Nerven lagen blank. Ich rege mich auf, Tr\u00e4nen flie\u00dfen, Papa schimpft. Alles Schei\u00dfe. Wirklich und richtig. Meine Schwester hat in den Tagen danach das Gras gewendet und sogar Papa hat sich noch einmal auf den New Holland geschleppt und ist ein paar Runden gefahren. Mit den Tr\u00e4nen in den Augen &#8211; weil ihm das Spa\u00df machte und er nicht mehr konnte. Ich auch nicht und habe bei jeder R\u00fcckfahrt von meinen Eltern einen dicken Klo\u00df im Hals und Tr\u00e4nen in den Augen gehabt.<\/p>\n<p>Am 15.06. habe ich mit dem New Holland die gro\u00dfe Wiese gem\u00e4ht. Vorher haben wir mit Gezank und b\u00f6sen Worten den Kreiselm\u00e4her hinter den Traktor geh\u00e4ngt. Meine Schwester und ich haben uns gek\u00e4bbelt und Papa kam mit dazu geschlurft, weil wir nat\u00fcrlich nichts richtig machten. Hat den Traktor mit weit in den H\u00f6hlen liegenden Augen ein paar Meter auf dem Hof gefahren und ist dann zur Wiese runter, weil er mir die Bedienung zeigen wollte. Als ich mit in die Kabine gestiegen bin, hat er pl\u00f6tzlich keine Luft mehr bekommen und war kurz vor der Ohnmacht. Mindestens eine Viertstunde sa\u00df er mit leerem Blick und ohne ein Wort zu sagen japsend in der Kabine. Ich habe mich in meinem Leben noch nie so beschissen gef\u00fchlt. Birgit hat einen Campingstuhl geholt und wir haben Papa das erste Mal ins Haus tragen m\u00fcssen. Ab da hat er auch nicht mehr im Liegestuhl im Wohnzimmer gelegen, sondern nur noch im Bett. Das er dann auch nicht mehr verlassen hat.<\/p>\n<div class=\"bild\" style=\"font-size: smaller;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.andreas-edler.de\/grafik\/blog_2013\/201306_papa_mit_andreas.jpg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"250\" border=\"0\"><\/div>\n<p> Ich bin jeden Tag zum S\u00fcdweg gefahren, wir haben geredet, Papa hat uns erz\u00e4hlt, was er f\u00fcr eine Grabplatte haben m\u00f6chte, was darauf stehen soll, wer eingeladen werden soll. Ich habe die KFZ-Scheine f\u00fcr den Wohnwagen und den kleinen Lasth\u00e4nger bekommen, damit ich die auf meinen Namen ummelde. L\u00e4nger als 20 Minuten am St\u00fcck konnte er aber nicht mehr reden, dann musste er sich ausruhen. Ich habe Nachts im Bett gelegen und geweint. Gestern war der 19.06. und wir haben Tim gesagt, dass Opa nicht mehr lange leben wird. Dass er sehr krank ist, wusste er &#8211; war ja auch nicht zu \u00fcbersehen &#8211; aber nicht, wie schlimm es ist. Hat nat\u00fcrlich auch geweint, wollte aber mit zum Besuchen. Gegessen hat Papa seit letzten Samstag nichts mehr, nur noch ein paar Schlucke Wasser am Tag. Ich habe penetrant versucht, ihm wenigstens hochkalorienhaltige Nahrungserg\u00e4nzung zum Trinken zu geben &#8211; und meine Mama und Schwester auch &#8211; aber da wurde er richtig b\u00f6se.<\/p>\n<p>Mit dem vielen Morphium, dass er nun bekommt, hat er wenigstens keine Schmerzen. Atmen kann er auch nicht mehr richtig und Schleim spuckt er schon seit vielen Wochen st\u00e4ndig. Das Schlucken hat ihm wohl auch schon seit langem Schwierigkeiten bereitet, weil die Metastasen auf dem Rippenfell und die Knubbel rechts und seit langem auch links bei jeder Bewegung f\u00fcrchterlich weh tun. Sogar mit Morphium. Papa hat keine Lust mehr. Ich sitze hier und bin v\u00f6llig teilnahmslos. Was im Fernsehen kommt interessiert mich schon seit Monaten nicht. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie bescheuert Sendungen auf RTL und RTL2 angesichts solcher Umst\u00e4nde sind. Die Talkshows der \u00f6ffentlich rechtlichen gucke ich aus anderen Gr\u00fcnden l\u00e4nger nicht mehr, aber wenn ich da jetzt rein zappe, frage ich mich immer von was dort geredet wird. In welchem Universum sich deren Sichtweisen abspielen. Ich bin richtig fertig, traurig, antriebslos, kann zu Hause nichts anfangen &#8211; und ein paar Mal habe ich schon gedacht, dass es wom\u00f6glich wirklich besser w\u00e4re, wenn endlich Schlu\u00df ist. Ich bin dann b\u00f6se auf mich selbst.<\/p>\n<p>Lange habe ich \u00fcberlegt, ob ich das hier ver\u00f6ffentliche oder nicht. Ich wei\u00df in dem Augenblick, in dem ich das hier schreibe immer noch nicht. Aber zum Einen musste ich das einfach aufschreiben und zum anderen mag es den ein oder anderen geben, der sich dann erkl\u00e4ren kann, warum ich m\u00f6glicherweise irgendwann in den letzten nicht ganz zwei Jahren so reagiert habe, wie ich es tat. Und vielleicht gibt es jemanden, der ebenfalls in so einer Situation ist und dann liest, dass es anderen genauso geht. Das w\u00e4re dann nicht so schlecht, denke ich. Es ist jetzt Donnerstagabend, das Heu auf der gro\u00dfen Wiese, das Dienstag schon total super war, ist von den Gewittern der letzten beiden Tage total durchn\u00e4sst. Mit etwas Gl\u00fcck k\u00f6nnen wir es Montag oder Dienstag pressen. Ich hoffe, dass wir Papa noch sagen k\u00f6nnen, dass das letzte Heu trocken auf dem Dachboden verstaut ist.<\/p>\n<p>Freitags hat es noch einmal geregnet, aber nur ein ganz bisschen Fiesel, der Samstag war sehr bew\u00f6lkt, windig und trocken. Nach ein paar Mal wenden haben wir tats\u00e4chlich noch gepresst und Dank tatkr\u00e4ftiger Hilfe war alles was trocken war, um 21 Uhr auf dem Heuboden. Zwischendurch bin ich immer mal zu Papa rein und habe ihm gesagt wie weit wir schon sind. Als es dann geschafft war, sah man richtig einen gro\u00dfen Stein von den Schultern fallen. Hat aufgeatmet und war schlagartig nicht mehr so unruhig und aufgeregt. Mehr als ein gehauchtes &#8222;Sch\u00f6n&#8220; war allerdings nicht mehr drin. In den Jahren vorher &#8211; auch als er noch gesund war &#8211; war das Heumachen immer eine Sache, die f\u00fcr Herzklopfen gesorgt hat. Und dieses Jahr war besonders schlimm, weil er nicht mehr dabei sein konnte. <\/p>\n<div class=\"bild\" style=\"font-size: smaller;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.andreas-edler.de\/grafik\/blog_2013\/201306_papa_1_250.jpg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"250\" border=\"0\"><\/div>\n<p> Montagmittag kam der Hausarzt zu einem Besuch vorbei, hatte bis auf die offensichtliche Krankheit, nichts zu beanstanden. Papa soll Essen oder nicht, trinken oder nicht, wie er m\u00f6chte und vor allen Dingen, was er m\u00f6chte. Leider ist das nur Wasser und Morphium. Am traurigsten war Dienstagabend &#8211; Papa will alles selbst regeln und darum kam auch der Bestatter bereits vorbei, um die Gr\u00f6\u00dfe des Grabes, den Ablauf der Feier und solche Sachen zu besprechen. F\u00fcr ihn war das nichts Ungew\u00f6hnliches und kommt wohl h\u00e4ufig vor. Als Betroffener kann ich aber sagen, dass mir das unheimlich nahe gegangen ist.<\/p>\n<p>Papas Laune ist seitdem etwas besser, hat sich sogar wieder ein Radio bringen lassen &#8211; um nat\u00fcrlich gleich \u00fcber den ganzen Mist der da gespielt wird zu schimpfen. Wenn ich Papa danach besuchte, hat er sogar manchmal gelacht, bei einer lustigen Geschichte oder einem Scherz. Donnerstag regte der Arzt an, doch einen Rollstuhl zu besorgen, damit Papa nochmal im Haus rumgeschoben werden oder sogar nach drau\u00dfen kann. Da grinste er sogar. Heute ist Freitag und ich komme gerade vom S\u00fcdweg. Papa hat teilweise ziemlich wirr geredet, zwar noch vieles mitbekommen, einiges aber auch durcheinander gew\u00fcrfelt oder ganz aus einem Traum erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>In den folgenden Tagen d\u00f6ste Papa meist vor sich hin. Wenn er wach war, hat er jeden erkannt und wusste, was er wollte. Zwar ein bisschen vermischt mit Tr\u00e4umen, aber ansonsten klar &#8211; auch wenn man ihn nicht mehr immer verstehen konnte.<\/p>\n<p>Am 02.07. um 5:45 Uhr ist Papa endlich von seinem Leiden erl\u00f6st worden und eingeschlafen.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 27.10.2011 hatte ich mir Urlaub genommen. War ein Donnerstag, f\u00fcr den Freitag hatte ich ebenfalls Urlaub eingetragen, weil an den beiden Tagen unser neuer Carport aufgestellt werden sollte. Die H\u00f6lzer lagen schon ein paar Tage zugeschnitten auf dem Hof, &hellip;<\/p>\n<p class=\"read-more\"> <a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.andreas-edler.de\/blog\/2013\/07\/speiseroehrenkrebs\/\"> <span class=\"screen-reader-text\">Speiser\u00f6hrenkrebs<\/span> Weiterlesen &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"activitypub_content_warning":"","activitypub_content_visibility":"","activitypub_max_image_attachments":2,"activitypub_interaction_policy_quote":"anyone","activitypub_status":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[7],"class_list":["post-17507","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-gesundheit"],"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.andreas-edler.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17507","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.andreas-edler.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.andreas-edler.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.andreas-edler.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.andreas-edler.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17507"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.andreas-edler.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17507\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.andreas-edler.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17507"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.andreas-edler.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17507"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.andreas-edler.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17507"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}