Laut Plan stand heute die längste Etappe der Tour auf dem Programm. 102 Kilometer sollten es werden. Hmm, wir waren skeptisch, als wir morgens aus dem Fenster schauten. Es hagelte nicht gerade Katzen, aber es war ein ausgewachsener Regen, der dort draußen herunter prasselte. Beim Frühstück saßen schon zwei junge Frauen und besprachen mit der Wirtin eine weitere Übernachtung. Unser Zeitplan ließ das leider nicht zu und daher machten wir uns frisch gestärkt auf in die Stadt, um bei einem Radhändler den wir gestern abend noch entdeckt hatten, einen Regenponcho zu kaufen. Unsere Jacken halten zwar einem Schauer stand, aber nicht diesem Dauerregen. Lars hatte bereits einen solchen Poncho an und Michael und ich fanden für 12 Euro auch jeder einen geeigneten Überzug. Konnte also los gehen.
Und es machte sogar Spaß! Richtig kalt war es noch gar nicht und unter dem Poncho blieb man - bis auf die Beine ab dem Knie - auch trocken. Richtig trocken, das wunderte mich eigentlich. Auch die Hände waren halbwegs warm, wenn man den Überzug weit genug über den Lenker drömmelt. Leider währte die Freude nicht lange, denn nach nicht einmal einem Kilometer verließ die Luft das Vorderrad von Michaels Marin. Super! Wenn's kommt, kommt's dicke. Da konnten wir auch nicht so richtig darüber lachen, dass das Unglück ausgerechnet vor einer Reifenhandlung passierte. Wenigstens konnten wir uns dort unterstellen und mussten nicht im regen flicken. Und beim Rumstehen bin ich dann so langsam das Frieren angefangen ... es mussten immerhin zwei Löcher geflickt werden. Putzig, dass die ausgerechnet auf einen Schlag in den Reifen gekommen sind. Aber wie gesagt, wenn es kommt, dann richtig.
Die Strecke hinter Wasserburg wäre bei besserem Wetter sicher richtig schön. So kämpften wir mit den Schirmen unseren Mützen, die vom Poncho immer ins Gesicht gedrückt wurden und das Sichtfeld einschränkten. Zumindest ich kämpfte mit der Kopfbedeckung. Zu dritt kämpften wir mit der Beschilderung, die begann ein wenig löchrig zu werden und Fragen aufwarf. Vor allen Dingen, als wir mitten im Wald im strömenden Regen in der Matsche standen und nicht sicher waren, in welche Richtung wir nun weiter mussten. Die Orte enden alle auf "ham" - Würmertsham, Puttenham, Thalham, Bergham, Mernham ... und immer auf und ab. Das kann bei dem Wetter schon ziemlich stressig werden. Aber noch waren wir guter Dinge und fuhren sogar einen Schnitt knapp unter 20, der Wind kam nämlich von hinten und der Poncho wirkte wie ein Segel. Tatsächlich kam uns irgendwann auf einem Waldweg sogar ein Pärchen auf einem Tandem entgegen. Das war ein Grinsen auf beiden Seiten :-) und die letzten Leute, die uns auf unserer Tour auf zwei Rädern begegnen sollten. Als wir irgendwann zur linken mal wieder den Inn sahen, haben wir gerastet. Die Bäume boten wenigstens ein ganz bißchen Schutz - auch wenn mein mitgebrachtes Brötchen nach kurzer Zeit ziemlich weichlich war.
5 Kilometer weiter fuhren wir nach Haiden rein, wo es links nach Gars ging und rechts nach Gars-Bahnhof. Inzwischen hatte sich der leichte Wind zu einem veritablen Wehen entwickelt, die Bäume wurden immer flacher gedrückt und die Regentropfen wehten nahezu waagerecht über das Land. Die letzte halbe Stunde hat das Fahren definitiv keinen Spaß mehr gemacht. Ein paar kurze Blicke in unsere Gesichter und wir hatten uns für den Zug entschieden. Schade, Abbruch für heute. Aber zuerst wollten wir uns noch am Supermarkt stärken und einen solchen hofften wir in Gars zu finden. Fanden wir auch, nur hatte ich nur nich 4 Euro Hartgeld und blöderweise für 4,08 Euro auf das Förderband gepackt. Und die Dame wollte meine Karte nicht. Soll sie ihren Scheiß doch behalten! Hab' einfach alles liegen lassen und bin wieder raus. War eh nur aus Langeweile, weil ich sowohl Getränke als auch noch Brötchen hatte.
Nach einer halben Stunde Verschaufen fuhren wir wieder aus dem Ort nach Gars-Bahnhof um festzustellen, dass wir den Zug um 20 Minuten verpasst hatten. Argh! Beim nächsten Mal *erst* den Fahrplan studieren und dann einkaufen! Aber hätt' der Hund nicht geschissen, hätt' er 'nen Hasen gefangen. Sei's drum. Wir mussten 1 3/4 Stunde warten. Der Kiosk/Café um die Ecke des Bahnhof, der in Wirklichkeit nur ein etwas größeres Bushaltestellenhäuschen war, hatte natürlich geschlossen und öffnete erst in einer Stunde. Ich konnte meine Knie nach kurzer Zeit nicht mehr am Zittern hindern. Nach endlosen 60 Minuten konnte ich endlich einen warmen Kakao trinken und mich aufwärmen. Und dann kam auch schon der Zug - endlich im Trockenen!
Von Gars-Bahnhof fährt man über Mühldorf nach Simbach/Braunau. Manche Züge fahren durch, manche nicht. Unser natürlich nicht. In Mühldorf hatten wir ca. 45 Minuten Aufenthalt, ehe es endlich weiter ging. Also wieder auf und ab gehen. Diesmal mit etwas besserer Überdachung, denn der Bahnhof ist hier schon etwas größer. Nachdem wir dann endlich unsere Fahrräder im richtigen Wagen verstaut hatten, setzten wir uns in die bequemen Sessel oder guckten ein bißchen die anderen Fahrgäste an. Ich guckte unter anderem auch auf einen Hinweiszettel, der mir die Mundwinkel zu den Kniekehlen zog. Draußen prasselte der Regen herunter und die Bahn teilt uns mit, dass der Zug nur bis Marktl fährt. 20 Kilometer vor Simbach. Wie bitte!? Ah, ab da geht es per Schienenersatzverkehr mit dem Bus weiter, Puh! - Was? Fahrräder werden nicht mitgenommen. Der Zugführer hat uns nicht rausgeschmissen, auch nicht nachdem ich ihm gesagt habe, was ich von der Sauerei halte! Also nochmal raus in deas Unwetter. Und dabei hatten sich Michael und Lars schon trockene Socken und Schuhe angezogen!
Wohl oder übel mussten wir in Marktl den Zug verlassen. Der fuhr einfach nicht weiter. Allerdings stürmte es hier auch schon nicht mehr so sehr, Regen war aber immer noch reichlich vorhanden. In Marktl ist man praktisch sofort wieder auf dem Inntalradweg und schon bald haben wir unseren Trott wieder gefunden. Zum groß Sehenswürdigkeiten gucken hatten wir verständlicherweise keine Lust. Einfach nur noch nach zum Hotel. Wir passierten Stammham, überlegten kurz ob wir die Bundesstraße nehmen und 20 Minuten Fahrt sparen oder den Radweg, entschieden uns wegen Sicherheitsbedenken bei dem Wetter mit Poncho, Wind und Gepäck für den Radweg und Deindorf, Seibersdorf und Bergham immer näher nach Braunau. Auch hier wieder eine eigentlich schöne Strecke, wenn man passendes Wetter hat. Von Bergham an geht es 7 Kilometer immer am Inn entlang und dann ist man auch schon in Simbach. Dort über die Innbrücke und es ist wieder östereichischer Boden. Das Hotel Mayrbräu haben wir schnell gefunden und packten alsbald unsere Klamotten im besten (und zweitbilligsten!) Zimmer der Tour auf die Heizungen.
Lars und ich sind dann noch ein bißchen durch Braunau und den Regen gelaufen. Wir haben noch nach einem leckeren Griechen gefunden, aber da konnte uns der einzige Passant den wir trafen auch nicht helfen. Ausgerechnet war er auch nicht aus Braunau. Nachdem wir noch einer alten Omi geholfen haben ihren Regenschirm zu reparieren und einige Minuten Smalltalk mit der sehr fidelen Dame gehalten haben (Während ich überlegte, ob wir wohl jemanden verständigen sollten, denn die alte Dame kam mir ein bißchen allein vor, wurde sie dann aber doch von einem Herrn abgeholt.) sind wir dann der Enfachheit halber wieder zu unserem Hotel gegangen und haben dort ganz vorzüglich gegessen. Die Bedienung gab uns sogar noch einen Stadplan, als wir nach dem Weg zum Bahnhof fragten. Es war zwar besseres Wetter für den nächsten Tag gemeldet, aber nachschauen kann man ja mal. So führte uns unser Verdauungsspaziergang zum Braunauer Bahnhof und zurück. Danach kam noch "Grey's Anatomy" im Fernsehen und dann das Sandmännchen ...